Juni 2026 - Marie-Belle Sandis
BEGEGNUNG MIT MARIE-BELLE SANDIS AM MITTWOCH, 17. JUNI 2026, um 19.00 UHR IM UNTEREN FOYER VON OPAL
Marie-Belle Sandis ist den Freunden und Förderern außer von der Bühne bereits von einer früheren „Begegnung“ her bekannt, jetzt war sie mit der Begleitung von Korrepetitor Akira Nakamura am Flügel und unter der Moderation von Albrecht Puhlmann nach 17 Jahren erneut bei uns zu Gast.
Am NTM ist Sandis seit 2003 und hat seither in 125 Rollen ihre Fähigkeiten bewiesen und auch erweitert, „Mannheim ist eine Schule“, sagte sie. Hierher kam sie aus Gelsenkirchen, doch geboren und aufgewachsen ist sie in einem kleinen Ort 40 Kilometer entfernt von Marseille. Ihre ersten 20 Lebensjahre verbrachte sie in der Provence, wo ihre Mutter noch immer lebt und wo sie selbst „ganz bestimmt“ ihren Lebensabend verbringen will.
Ihre Vorväter waren Griechen aus Antalya, die sich nach der Vertreibung aus der Türkei zuerst in Ägypten niederließen. Der Vater heiratete eine Nordfranzösin und lebte fortan in Südfrankreich. Die Familie war griechisch-orthodox und patriarchal geprägt, das Unterbringen der Kinder in einem Beruf, der sie sicher ernährt und angesehen ist, gehört dort zur Elternpflicht. So galt dem Vater, einem Ingenieur, der von der Tochter schon früh geliebte Gesang als nettes, aber zur Lebensabsicherung untaugliches Hobby („Ich sollte keine arme Sängerin werden!“). Singen musste dem Abitur und einem Ingenieursstudium weichen, das Marie-Belle mit Bravour absolvierte und dem viele Berufsjahre in Paris folgten, im 27. Stock eines Bürogebäudes in La Defense.
In die alte Mittelmeerwelt führte der erste musikalische Vortrag des Abends, Sandis sang den Abschiedsmonolog der Dido von Purcell. Ganz ohne Selbstmitleid äußert die Königin ihre letzten Gedanken und Wünsche, getrieben vom unentrinnbaren Lamento-Bass in der Musik. Die Arie ist ein Hochseilakt zwischen Emotion und Kontrolle und eines der Lieblingsstücke der Sängerin, die bereits in der Ausbildung durch ihre musikalische Intelligenz auffiel.
Denn zur Gesangsausbildung kam es doch noch, dank eines Chores, dem sie beitreten wollte und der nur ausgebildete Sänger*innen aufnahm. Der Unterricht in den Gewerkschaftsräumen unten im Bürogebäude hatte Folgen: Eine Lehrerin erkannte Sandis Begabung. Für die Musikhochschule in Paris war sie mit ihren 28 Jahren inzwischen zu alt, doch ein Wettbewerb brachte die sich entwickelnde lyrische Mezzosopranistin ins Opernstudio der Opéra Bastille. Nach einem Jahr mit viel Unterricht, aber keinen Konzerten wollte sich die Sängerin endlich vor Publikum erproben und wechselte zuerst ins Opernstudio in Lyon und dann für vier Jahre ins feste Ensemble dort, wo sie unter anderem die Hermia im „Sommernachtstraum“ von Britten, die Messaggera im „L’Orfeo“ von Monteverdi und den Cherubino in „Le nozze di Figaro“ gab. Sie sang sich frei („Mit einem Ruck! Und es funktionierte!“) und begann, ihre Emotionen für die Auftritte zu nutzen. Von Lyon aus ging es nach Gelsenkirchen, wobei der Wechsel der Sprache eigentlich keiner war, denn schon die kleine Marie-Belle lernte Deutsch als erste Fremdsprache in der Schule.
Der zweite Gesangsbeitrag des Abends war die Arie der Giovanna Seymour aus „Anna Bolena“ von Donizetti. Zu dieser Partie gehört eines der Duette rivalisierender Frauen – ein anderes ist das zwischen der Titelheldin und Adalgisa in der „Norma“ von Bellini –, die sowohl das Publikum als auch die Sängerin wegen ihrer ganz besonderen Spannung lieben.
Weder die Dido noch die Giovanna Seymour hat Marie-Belle Sandis bis jetzt auf der Bühne verkörpert, was unter anderem an ihrer Stimme lag, die lange zwischen Mezzosopran und Sopran schwankte. Jetzt, mit zunehmender Reife und Erfahrung, ausgefeilterer Technik und der Überwindung einer gesundheitlichen Beeinträchtigung senkt sich die Stimme, wird tiefer, schwerer und auch dramatischer. Die Sängerin hört auf ihr Instrument, es sei die „erste Beraterin“, und legt größten Wert auf sorgfältige Stimmpflege: Rollen, die ermüden oder nicht zum Stimmklang passen, sind für sie ein Tabu, die Stimme ist zu respektieren. Die Mutter in „Hänsel und Gretel“ von Humperdinck wollte sie lange nicht sein, diese Partie hätte ihren Klang ins Schrille verschoben. Doch nun erschließt sich ihr ein neues Repertoire, Traumrollen rücken in greifbare Nähe.
Eine davon ist Kundry aus Wagners „Parsifal“. Wie weit sie sich dieser Figur bereits angenähert hat, zeigte sie mit „Ich sah das Kind …“ aus der langen Erzählung im zweiten Akt, wieder begleitet am Flügel von Nakamura.
Diese neuen Möglichkeiten sind für Sandis wie eine „zweite Geburt“, das Publikum lernte bei dieser Begegnung eine neue Sängerin kennen, die sich ihren frühen Vorbildern, etwa Janet Baker oder Waltraud Meier, immer mehr annähert.
Auch die dramatischen Verdi-Partien bereichern nun Marie-Belle Sandis Möglichkeiten, die von Racheglut getriebene Arie der Azucena aus dem „Troubadour“ bewies es.
Singen ist auch autobiografisch, es gibt einen Bezug zu den verkörperten Rollen. Die familiäre Verwurzelung führte Marie-Belle Sandis nicht nur immer wieder in die Heimat ihrer Familie, nach Aix-en-Provence und nach Athen, sondern auch zu einer gänzlich anderen Art des Singens. Bei einer Regenbogen-Benefizgala trug sie ein Chanson von Edith Piaf vor, mit so viel Erfolg, dass daraus die Idee eines ganzen Abendprogramms erwuchs. Natürlich ist dafür eine andere Technik als für den Operngesang nötig und um der Stimmpflege willen wurden die Chansons mit Mikrofon vorgetragen.
So rundete Sandis den Abend mit einem Lied ab, dessen Text Edith Piaf selbst für ihre verlorene große Liebe schrieb und den Marguerite Monnet vertonte. Anrührend und zart klang jetzt die Stimme, getragen von den intensiven Untertönen, die für Piaf so typisch waren. Herzlichen, langen Applaus bekam Marie-Belle Sandis nicht nur dafür, sondern auch für die Einblicke, die sie an diesem Abend gewährt hatte.
Text: Luisa Reiblich
Bilder: Petra Eder





